Szenario: Industriesicherheit bei Anlagenerweiterung – Integration externer Sicherheitskräfte
Ein mittelständisches Chemieunternehmen erweitert seinen Produktionsstandort um eine große neue Anlage. Die Bauarbeiten erstrecken sich über 18 Monate und umfassen mehrere Gewerke. Das bestehende Werk bleibt während der gesamten Bauphase in vollem Betrieb. Die unternehmenseigene Sicherheitsabteilung ist mit der Überwachung des laufenden Betriebs bereits voll ausgelastet und kann die zusätzliche Baustellenüberwachung nicht stemmen. Unser Unternehmen wird als externer Sicherheitsdienstleister hinzugezogen.
Die besondere Herausforderung: Die Anlage unterliegt strengen gesetzlichen Vorschriften (Betriebssicherheitsverordnung, Gefahrstoffverordnung, Explosionsschutzverordnung). Externe Sicherheitskräfte müssen nicht nur in die allgemeinen Sicherheitsabläufe eingearbeitet werden, sondern auch in die spezifischen Gefahrenstoffe, Notfallpläne und Zugangsregelungen der Chemieindustrie.
Phase 1: Vorbereitung und Einarbeitung (Vor Baubeginn)
1. Bedarfsanalyse und Vertragsgestaltung
- Gemeinsame Begehung des gesamten Geländes mit der Werksicherheit und dem Bauleitungsteam.
- Identifikation der sicherheitsrelevanten Bereiche:
- Bestandsanlage: laufender Betrieb mit Gefahrstoffen, Reaktoren, Lagerbehältern
- Baustellenbereich: mehrere Bauabschnitte mit schwerem Gerät, Hochbau, Tiefbau
- Schnittstellen: Versorgungsleitungen, Zufahrtswege für LKW, Übergänge zwischen Bau- und Betriebsbereich
- Definition der Einsatzzeiten: 24/7-Betrieb mit drei Schichten, da die Bauarbeiten rund um die Uhr laufen.
- Festlegung der erforderlichen Qualifikationen:
- Sicherheitspersonal: muss nach § 34a GewO (oder vergleichbar) zertifiziert sein
- Zusätzlich: Unterweisung in Chemikaliensicherheit, Gefahrgutkunde, Explosionsschutz (Ex-Zonen)
- Brandschutzkenntnisse: Umgang mit Feuerlöschern, Evakuierungspläne
2. Schulungs- und Unterweisungsprogramm für externe Sicherheitskräfte
- Allgemeine Werksicherheitsunterweisung (1 Tag):
- Werksgelände, Zufahrten, Notausgänge
- Verhalten im Schadensfall (Alarmierung, Evakuierung, Sammelpunkte)
- Sicherheitskultur des Unternehmens
- Spezifische Gefahrstoffunterweisung (2 Tage):
- Umgang mit Chemikalien (Sicherheitsdatenblätter, GHS-Kennzeichnung)
- Gefahrenbereiche und Ex-Zonen (Zoneneinteilung 0, 1, 2)
- Erkennung von Lecks, Dämpfen, ungewöhnlichen Gerüchen
- Maßnahmen bei kleinen Freisetzungen (z. B. Absperren, Melden)
- Baustellensicherheitsunterweisung (1 Tag):
- Besondere Gefahren auf Baustellen (Kranbetrieb, Tiefbau, Höhenarbeiten)
- Zutrittsregelungen für Bauarbeiter und Subunternehmer
- Überwachung von Baustellenfahrzeugen (Ein- und Ausfahrten)
- Notfalltraining (1 Tag):
- Praxisübungen: Feuerlöscherhandhabung, Evakuierung aus Ex-Bereichen
- Notfallkommunikation: Funkdisziplin, Alarmierungskette
- Erste Hilfe mit Schwerpunkt auf Chemieunfällen (Augenspülung, Kontamination)
3. Einarbeitung vor Ort („On-the-Job-Training“)
- Begleitete Schichten für die ersten zwei Wochen: Ein erfahrener Werkssicherheitsmitarbeiter ist bei jedem neuen externen Mitarbeiter im Einsatz.
- Praktische Einweisung in:
- Die elektronischen Zutrittssysteme (Chipkarten, PIN, biometrische Verfahren)
- Die Videoüberwachungsanlagen und deren Bedienung
- Die Meldesysteme bei Störungen und Alarmen
- Erstellung eines „Buddy-Systems“: Jeder externe Mitarbeiter wird einem erfahrenen Werksmitarbeiter zugeordnet.
Phase 2: Täglicher Betrieb – Integration in den Sicherheitsverbund
1. Aufgabenverteilung zwischen Werksicherheit und externen Kräften
| Aufgabenbereich | Werksicherheit (intern) | Externe Sicherheitskräfte |
|---|---|---|
| Überwachung der Bestandsanlage | Hauptverantwortlich | Unterstützung bei Zugangskontrollen |
| Baustellenüberwachung | Koordination | Hauptverantwortlich für Baubereich |
| Zutrittskontrolle für Mitarbeiter | Verantwortlich | Mithilfe bei Schichtwechseln |
| Zutrittskontrolle für Bauarbeiter | Freigabe durch Werksicherheit | Durchführung vor Ort |
| Notfallmanagement | Leitung und Entscheidung | Unterstützung und Umsetzung |
| Überwachung von Gefahrenbereichen | Fachliche Verantwortung | Meldung von Auffälligkeiten |
| Dokumentation | Gesamtübersicht | Tägliche Berichte an Werksicherheit |
2. Tägliche Sicherheitsrundgänge
- Gemeinsame Morgenbesprechung (07:00 Uhr):
- Austausch zwischen Werkssicherheit, externem Sicherheitsdienst und Bauleitung
- Besprechung der aktuellen Baufortschritte und besonderen Risiken des Tages
- Koordination der Schichtübergaben
- Drei Schichten mit festen Zuständigkeiten:
- Frühschicht (06:00–14:00 Uhr): Hauptlast der Besucher- und Lieferverkehrslenkung
- Spätschicht (14:00–22:00 Uhr): Fokus auf Baufortschritt und Materiallieferungen
- Nachtschicht (22:00–06:00 Uhr): Überwachung bei Dunkelheit, Sicherung von Baugeräten
- Kontrollierte Rundgänge:
- Mindestens stündlich durch den Baubereich
- Zweistündlich durch die Bestandsanlage (gemeinsam mit Werkssicherheit)
- Prüfung von: Zäunen, Toren, Beleuchtung, Verriegelung von Gefahrenbereichen
3. Zugangsmanagement für die Baustelle
- Mehrstufiges System für Bauarbeiter:
- Stufe 1 – Registrierung: Jeder Bauarbeiter wird vor Arbeitsbeginn im System erfasst (Personalausweis, Sozialversicherungsnachweis)
- Stufe 2 – Unterweisung: Nachweis über Baustellensicherheitsunterweisung (ASiG)
- Stufe 3 – Zugangsberechtigung: Ausstellung eines personalisierten Bauausweises mit QR-Code und Foto
- Stufe 4 – Bereichsbereinigung: Nur für bestimmte Bauabschnitte freigegeben (z. B. kein Zugang zu Chemielagern)
- Tägliche Kontrollen:
- Stichprobenartige Identitätsprüfungen durch externe Sicherheitskräfte
- Abgleich mit der Tagesliste der Bauleitung
- Bei Abweichungen: Sofortige Meldung an die Werksicherheit und Bauleitung
Phase 3: Umgang mit besonderen Gefahren in der Chemieindustrie
1. Erkennung und Meldung von Gefahrenstoffen
- Externe Sicherheitskräfte werden darin geschult, folgende Anzeichen sofort zu erkennen und zu melden:
- Ungewöhnliche Gerüche: Lösemittel, Schwefel, Gas
- Sichtbare Dämpfe oder Nebel: Austritt aus Rohrleitungen oder Behältern
- Austretende Flüssigkeiten: Pfützen, Rinnsale, Verfärbungen
- Beschädigte Gebinde: Undichte Fässer, zerrissene Folien
- Meldekette:
- Schritt 1: Externer Sicherheitsmitarbeiter entdeckt Auffälligkeit
- Schritt 2: Sofortige Meldung an die Werkssicherheit (per Funk oder Notruf)
- Schritt 3: Werkssicherheit entscheidet über weitere Maßnahmen (Absperrung, Evakuierung, Feuerwehr/Umweltamt)
- Schritt 4: Externe Kräfte sichern den Bereich ab und leiten ggf. erste Maßnahmen ein (z. B. Personen aus dem Gefahrenbereich bringen)
2. Umgang mit Ex-Zonen (Explosionsschutz)
- Die Anlage verfügt über definierte Ex-Zonen, in denen explosionsfähige Atmosphäre auftreten kann.
- Regeln für externe Sicherheitskräfte:
- Nur zugelassene, explosionsgeschützte Geräte (z. B. zertifizierte Taschenlampen, Funkgeräte) verwenden
- Keine Zündquellen: Rauchen, Feuer, Funken verboten
- Zugang nur nach Freigabe durch Werksicherheit mit spezieller Unterweisung
- Bei Austritt von brennbaren Gasen oder Dämpfen: Sofortige Evakuierung und Alarmierung
- Kennzeichnung: Ex-Zonen sind klar durch Bodenmarkierungen und Schilder gekennzeichnet – externe Kräfte lernen diese Kennzeichnungen in der Unterweisung.
3. Umgang mit Bauarbeiten in Gefahrenbereichen
- Heiße Arbeiten (Schweißen, Trennschleifen, Löten):
- Erfordern eine spezielle Genehmigung („Heißarbeiten-Genehmigung“) durch die Werksicherheit
- Externe Sicherheitskräfte überwachen, dass diese Genehmigung vorliegt und die Brandschutzmaßnahmen (Feuerlöscher, Löschdecken, Brandwache) bereitstehen
- Tiefbauarbeiten (Erdarbeiten, Leitungsarbeiten):
- Gefahr: Beschädigung von unterirdischen Chemieleitungen
- Externe Sicherheitskräfte kontrollieren, ob vor Beginn eine „Freigrabung“ (Zustimmung der Werksicherheit) erfolgt ist
- Bei unerwarteten Funden (Rohre, Kabel) wird die Arbeit sofort gestoppt und die Werksicherheit alarmiert
Phase 4: Notfallmanagement und Krisenintervention
1. Notfallszenarien in der Chemieindustrie
| Szenario | Maßnahmen |
|---|---|
| Chemieunfall (Freisetzung von Gefahrstoffen) | Absperrung des Bereichs, Evakuierung, Alarmierung der Werksicherheit und Feuerwehr, Atemschutzgeräte bereithalten |
| Brand in der Bestandsanlage | Einleitung des Brandschutzplans, Löschversuche durch Werksfeuerwehr (oder externe Kräfte mit entsprechender Ausbildung), Evakuierung der Baustelle, Sperrung von Zugängen |
| Explosionsgefahr | Sofortige Alarmierung aller Personen, vollständige Evakuierung des Gefahrenbereichs, Absperrung eines erweiterten Sicherheitsradius, Feuerwehr und Polizei alarmieren |
| Unfall auf der Baustelle (Personenschaden) | Erste Hilfe durch geschulte Mitarbeiter, Rettungsdienst alarmieren, Absperrung der Unfallstelle, Dokumentation für Berufsgenossenschaft |
| Anschlag oder Sabotage | Stillen Alarm auslösen, alle Zugänge verriegeln, Polizei verständigen, Personen im Gebäude in Sicherheit bringen |
2. Koordination zwischen externen Kräften und Werksicherheit
- Krisenstab: Bei größeren Vorfällen tritt ein gemeinsamer Krisenstab aus Werksleitung, Sicherheitsbeauftragtem und externem Sicherheitsdienst zusammen.
- Kommunikation: Externe Kräfte sind über Funk in die Werkskommunikation eingebunden und erhalten alle relevanten Informationen zeitgleich.
- Nachbereitung: Nach einem Notfall erfolgt eine gemeinsame Nachbesprechung mit Analyse, Dokumentation und ggf. Anpassung der Sicherheitsmaßnahmen.
3. Regelmäßige Notfallübungen
- Quartalsweise Übungen mit Beteiligung aller externen Sicherheitskräfte:
- Brandübung: Löschen eines kontrollierten Feuers, Evakuierung aus Ex-Bereich
- Chemieunfall-Übung: Absperrung, Alarmierung, Personensuche
- Amok- oder Sabotageübung: Verriegelung, Polizeialarm, Durchsuchung
- Die Übungen werden von der Werkssicherheit geleitet und von externen Kräften mit durchgeführt.
Phase 5: Dokumentation und Berichtswesen
1. Tägliche Berichterstattung
- Die externen Sicherheitskräfte erstellen täglich einen digitalen Bericht mit:
- Anzahl der Zugänge (Mitarbeiter, Besucher, Bauarbeiter, Lieferanten)
- Besondere Vorkommnisse (Alarme, Störungen, Auffälligkeiten)
- Zustand der Sicherheitseinrichtungen (Zäune, Tore, Beleuchtung, Kameras)
- Abweichungen von den Sicherheitsvorschriften (z. B. offene Türen, fehlende Genehmigungen)
- Der Bericht wird an die Werkssicherheit übermittelt und in die Gesamtdokumentation eingepflegt.
2. Wochenbericht für die Geschäftsleitung
- Zusammenfassung der sicherheitsrelevanten Ereignisse der Woche
- Darstellung von Häufungen oder Mustern (z. B. vermehrt Verstöße gegen Brandschutz)
- Empfehlungen für Verbesserungen (z. B. zusätzliche Schulungen, Anpassung der Zugangsregelungen)
3. Abschlussbericht bei Projektende
- Nach Abschluss der Baumaßnahme erstellt der externe Sicherheitsdienst einen umfassenden Abschlussbericht mit:
- Gesamtübersicht über alle Sicherheitsmaßnahmen während der Bauphase
- Statistik zu Zugängen, Alarmen und Vorfällen
- Lessons Learned – welche Maßnahmen haben sich bewährt, was könnte verbessert werden?
- Übergabe der dokumentierten Sicherheitsdaten an die Werksicherheit für zukünftige Projekte
Phase 6: Besondere Herausforderungen und Lösungen
1. Sprachbarrieren und internationale Teams
- Die Baustelle wird von einem internationalen Subunternehmer-Netzwerk ausgeführt.
- Lösung: Die externen Sicherheitskräfte erhalten mehrsprachige Sicherheitsunterweisungen (Deutsch, Englisch, Polnisch, Türkisch).
- Die Zugangskontrollpunkte werden mit Piktogrammen und mehrsprachigen Hinweisschildern ausgestattet.
2. Hoher Lieferverkehr
- Täglich bis zu 50 LKW mit Baustoffen, Chemikalien für den Betrieb und Abfalltransporte.
- Lösung: Einrichtung einer separaten Lieferantenzufahrt mit eigenem Sicherheitsposten.
- Zeitliche Steuerung: Lieferungen werden in Zeitfenster gestaffelt (z. B. 06:00–08:00, 12:00–14:00, 18:00–20:00 Uhr), um Überlastung zu vermeiden.
3. Wechselnde Bauabschnitte
- Die Baustelle wächst über die Zeit – neue Bereiche werden erschlossen, andere abgeschlossen.
- Lösung: Wöchentliche Aktualisierung der Sicherheitszonenkarte durch die Bauleitung.
- Externe Sicherheitskräfte werden bei jeder Änderung sofort in einer kurzen Einschulung (15 Minuten) über neue Gefahrenbereiche und Zugangswege informiert.
4. Arbeitszeitmodelle und Erschöpfung
- Die Bauarbeiten laufen rund um die Uhr mit drei Schichten.
- Lösung: Externe Sicherheitskräfte werden in einem ausgewogenen Schichtmodell eingesetzt (max. 8 Stunden pro Schicht, mind. 11 Stunden Ruhezeit).
- Regelmäßige Gesundheitschecks und ein offenes Meldesystem bei Überlastung.
Fazit: Erfolgsfaktoren für die Zusammenarbeit
Die Integration externer Sicherheitskräfte in ein bestehendes Chemieunternehmen ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Der Erfolg des Szenarios basiert auf fünf zentralen Säulen:
| Säule | Beschreibung |
|---|---|
| 1. Gründliche Einarbeitung | Umfassende Schulungen in Chemiesicherheit, Gefahrstoffen, Ex-Zonen und Baustellensicherheit |
| 2. Klare Zuständigkeiten | Trennung von Bestandsüberwachung und Baustellenüberwachung mit festen Ansprechpartnern |
| 3. Kontinuierliche Kommunikation | Tägliche Besprechungen, gemeinsame Rundgänge, offene Meldekultur |
| 4. Praxisnahe Übungen | Regelmäßige Notfallübungen mit allen Beteiligten |
| 5. Dokumentation und Nachverfolgung | Lückenlose Erfassung von Vorfällen und Maßnahmen für die Nachbetrachtung |
Durch diese strukturierte Herangehensweise wird sichergestellt, dass die Erweiterung der Chemieanlage sicher, gesetzeskonform und ohne Beeinträchtigung des laufenden Betriebs realisiert werden kann.